Gerd ist von Graal-Müritz und Rainer von Witten nach Anklam angereist. Fast pünktlich um 18:00 Uhr treffen wir uns am Anklamer Bahnhof. Vor der Fahrradmitnahme ab Berlin im RE6 wird wegen Überfüllung gewarnt. Das erweist sich jedoch als unbegründet: Die Doppelstockwagen bieten im unteren Durchgang Fahrradabstellflächen über die gesamte Waggonlänge – davon träumen wir im Ruhrgebiet.
Wir rollen weiter am Abzweig nach Anklamer Fähre vorbei (der Ort heißt nur so, eine Fähre gibt es dort gar nicht!) zum Ort Kamp. Dort ist die markante Brücke im Wasser des Oderhaffs das prägende Bauwerk. Da war ich zwar schon einmal, damals allerdings von der anderen Seite.
Wir sind die Einzigen auf der Campingwiese und haben die freie Auswahl. Nach ein paar kleinen Verzögerungen beim ersten Aufbau in diesem Jahr stehen die Zelte schließlich und die Isomatten sind aufgeblasen. Rainer hat Kartoffelsalat sowie Frikadellen dabei und Gerd hat noch genügend Bier angeschleppt, sodass wir uns gesättigt in den Schlafsack einrollen. Bei mir reicht die mitteldicke Ausführung für die Nacht einigermaßen aus.
Gerd geht schon früh am Morgen im Haff baden und berichtet mir nach dem Aufstehen davon. Da muss ich natürlich mithalten und tauche ebenfalls kurz ins Wasser ab – ich würde die Temperatur auf etwa 17 bis 18 °C schätzen. Für das Frühstück haben wir alles dabei und genießen es bei sonnigem Spätsommerwetter im Pavillon.
Von Kamp nach Karnin verkehrt eine Elektrofähre. Wir nehmen die erste Verbindung um 10:00 Uhr und setzen nach Karnin über.
Wir befinden uns nun also auf Usedom und fahren nördlich des Oderhaffs zur Ostseeküste. Hier erwarten uns vorerst sanfte Steigungen und viel Landschaft mit weiten Feldern.
Es folgen ein kleiner Flugplatz und anschließend ein ausgedehntes Waldgebiet, bis wir in Stolpe ankommen. Hier ist ein Herrensitz ausgeschildert, sodass wir uns das Schloss Stolpe näher ansehen. Zu DDR-Zeiten wurden die Türme abgerissen, damit das Gebäude nicht mehr nach einem Schloss aussah. Anfang des Jahrtausends wurde es jedoch wieder in seiner Gestalt aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg restauriert.
Wir steuern über Nebenstraßen, auf denen es gelegentlich eng wird, wenn Fahrzeuge passieren oder uns ein Müllwagen entgegenkommt. Manch anderer Abschnitt ist fast ausschließlich für Radfahrende freigegeben und bestens asphaltiert. Zwischendurch, besonders in den Dörfern, trifft man jedoch auf Kopfsteinpflaster der schlechteren Sorte, wo man lieber auf den ebeneren Gehweg ausweicht.
An einer Kreuzung entdecken wir einen Imbiss; die Spezialitäten sind wohl Fischbrötchen und Bratkartoffeln. Wir entscheiden uns für ein Matjesbrötchen, und ich lege noch einen Bismarckhering nach.
Schließlich erreichen wir Ahlbeck an der Ostsee, wo sich ein völlig anderes Bild bietet. Die Küste ist touristisch voll erschlossen. Die Villen und Hotels sind zumeist recht stilvoll und oft schon historisch.
Wenig später gelangen wir zum Fähranleger zur Überquerung der Swine. Es pendeln stets zwei Schiffe hin und her. Die Verbindung wird vorwiegend von Radfahrenden und Fußgängern genutzt; Autofahrende bevorzugen wohl den Tunnel unter dem Fluss.
Anschließend führt der ausgeschilderte Radweg durch ein sehr ausgedehntes Waldgebiet zwischen der Bahnstrecke und der Ostseeküste. Es handelt sich um einen sandigen Küstenabschnitt, der durch Kiefernwald und Heidekraut geprägt ist. Die Erika steht derzeit in voller Blüte. Die Strecke ist abschnittsweise grob geschottert oder besitzt eine Sanddecke. Da es vor Kurzem geregnet hat, ist der Untergrund bis auf wenige Passagen gut befahrbar.
Der Waldweg durch dieses Landschaftsschutzgebiet führt schließlich zum Ostseestrand. Wir versuchen, an diesem warmen Spätnachmittag ein Bad zu nehmen. Trotz einer längeren Strecke im Wasser liegen die Knie jedoch immer noch oberhalb der Oberfläche. Also legen wir uns zumindest einmal ganz hinein. Das Ganze endet mit dem Verlust eines Strumpfes von Rainer, der nicht mehr aufgetaucht ist. Danach geht es noch ein Stück durch den bewaldeten Uferabschnitt weiter.
Schließlich erreichen wir Międzyzdroje – den Ort, den man weder unfallfrei aussprechen noch schreiben kann. Hier scheint noch deutlich mehr los zu sein als in den deutschen Ostseebädern. Gigantische und futuristische neue Hotels mit viel Glas prägen das Bild. Die Küstenstraße ist durchgehend eine Einbahnstraße, allerdings in die für uns falsche Richtung. So schlendern wir auf dem breiten Fußweg durch den Ort.
Danach müssen wir steil den bewaldeten Berg hinauf, um den ausgewählten Radweg entlang der Küste zu erreichen. Es geht einige Kilometer durch dichten Wald. Wir bewegen uns auf einem unbefestigten Weg mal bergab, mal bergauf. Wir passieren Seen im Hinterland der Küste, wenngleich das dichte Blätterdach meist den Blick darauf verdeckt. Im Dorf Wisełka kehren wir schließlich in die Zivilisation zurück. Wir gönnen uns einen Hotdog und kaufen Brötchen für den nächsten Morgen. Nach weiteren vier Kilometern biegt Gerd zum nächsten Campingplatz vor Kołczewo ab. Wir sind erneut die Einzigen auf dem Platz; zum Abendessen gibt es nochmals Fischbrötchen und rote Grütze zum Nachtisch.