Am Morgen ist es zuerst recht sonnig, aber dann ziehen dunkle Wolken auf. Beim Frühstück beginnen wir schon einzupacken, um vor dem möglichen Regen die Klamotten verstaut zu haben. Es geht auch gut voran, und mit ein paar Regentropfen fahren wir los. Unser Weg führt durch das Waldgebiet auf dem Radweg, der parallel zur Autostraße angelegt ist. Zwischendurch ziehen wir die Regenjacken an, aber es bleibt bei vereinzelten Tropfen. So kommt man unter Umgehung des Autoverkehrs sicher nach Kołobrzeg.
Wir radeln um das Hafengebiet herum. Hier kommen wir wieder an Neubauten im Einheitsstil vorbei (weiß, umlaufender Balkon mit Glasbrüstung). Für den Radverkehr ist schon einiges getan worden: Ein breiter Radweg verläuft direkt durch das Neubauviertel.
Auf einer belebten Fußgängerstraße und an etlichen Touristengeschäften vorbei erreichen wir den Ostseestrand. Wir gelangen zu einer Seebrücke. Aber was ist das? Da muss man erst ein paar Złoty in den Automaten werfen, damit der Zugang zur Seebrücke freigegeben wird.
Wir radeln weiter und kommen an Verkaufszelten mit diverser Kleidung vorbei. Hier könnten wir Gerd neu einkleiden, aber er möchte nicht.
Einige Reifenumdrehungen weiter erreichen wir das Rathaus. Dann reicht es uns mit Besichtigungen; wir verlassen die Ostseeküste und schlagen einen südlichen Kurs ein. Vorerst fahren wir auf der Ausfallstraße nach Süden und folgen mehr oder weniger der Parsęta. An der stark befahrenen Straße gibt es einen separaten Radweg.
Mehrmals muss man die Straßenseite wechseln. Die polnischen Autofahrer halten sofort an, sobald sich jemand der Querungshilfe nähert – ein dickes Lob an dieser Stelle. Das ging sogar so weit, dass wir einmal die Fahrbahn überquert haben, obwohl wir das gar nicht vorhatten, nur um den haltenden Autofahrer nicht zu enttäuschen. Hier pausieren wir an einer Gedenkstätte, die an die Teilungen Polens erinnert.
Dann führt eine breite Brücke über die Schnellstraße S6; an beiden Seiten gibt es dort keine Zufahrt für Autos, sondern nur den Radweg. Wir nutzen die Route 15, die größtenteils auf der ehemaligen Bahnstrecke verläuft. Der Weg ist asphaltiert und bietet einige Rastplätze mit Überdachung. Allerdings scheint die Pflege etwas vernachlässigt zu werden: An etlichen Stellen hat das Wurzelwerk den Asphalt angehoben, und die hölzernen Sitzgruppen sind spürbar in die Jahre gekommen.
Es geht fast ausschließlich auf der Bahntrasse weiter. Viele Apfelbäume stehen am Rand, und wir rollen über einen wahren Apfelteppich. Das Gelände präsentiert sich flach und ohne nennenswerte Steigungen. Rechts und links erstrecken sich große Wiesen und gelegentlich ein Maisfeld.
Wir erreichen die Kleinstadt Karlino. Abseits der alten Eisenbahnstrecke führt der Weg durch den Ort, in dem sich erneut eine historische Backsteinkirche befindet.
Jetzt geht es erst einmal auf dem Radweg neben der größeren Straße nach Białogard. Hier beginnt wieder eine umgewidmete Bahntrasse. Zuerst führt eine Rampe nach oben, und dann hat man das Trassenniveau erreicht. Stellenweise wurde Holz für die seitliche Absicherung verbaut. Der Wind steht günstig, und mit knapp 30 km/h jage ich die Strecke entlang. Ich habe meinen Wunschecken auf dem Garmin-Gerät rot markiert. Auf der OSM-Karte wird Rot jedoch ebenfalls für Bahntrassenwege verwendet, weshalb ich nicht bemerke, dass ich den vorgesehenen Abzweig verpasse. Gerd holt mich schließlich ein, um mich auf die falsche Richtung aufmerksam zu machen.
Es geht weiter über eine Nebenstraße. Wohl aus Spargründen ist der rechte Fahrbahnrand nicht asphaltiert, sondern nur geschottert. Wir fahren natürlich rechts auf dem Asphaltstreifen, woraufhin überholende oder entgegenkommende Autos sehr nah an uns vorbeiziehen. Solche Fahrbahnen sind für Radfahrer eher unangenehm, selbst wenn nur wenig Verkehr herrscht. Im Vorfeld war klar, dass diese Gegend touristisch unbedeutend ist und es vorerst keine Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Somit verbleibt die Wahl zwischen Wildzelten oder Weiterfahren bis Połczyn-Zdrój. Wir entscheiden uns für Letzteres und buchen ein Hotel vor Ort.
Danach führt der Weg durch eine Allee mit altem Baumbestand, die wie ein Tunnel wirkt. Es geht spürbar bergan, aber die Felder und Bäume tauchen im einsetzenden Sonnenuntergang in ein warmes gelb-rotes Licht.
Am Ende dieser Baumallee folgt eine Abfahrt zur Straße 152. Hier lässt sich jedoch wieder abseits der Hauptverkehrsstraße auf einer Bahntrasse nach Połczyn-Zdrój radeln.
Wir erreichen schließlich Połczyn-Zdrój, und der Ort wirkt sogleich viel sympathischer als die zuvor passierten Ortschaften. Wie wir später nachlesen, handelt es sich um ein Kurbad; folglich landen wir direkt im Kurpark. Große, gepflegte Blumenbeete sowie alte Bäume erkennen wir in der Dunkelheit allerdings nur noch schemenhaft.